Die Geburt des selbst von Blindheit betroffenen bedeutendsten Pioniers für die Bildung der blinden Menschen in der ganzen Welt vor 200 Jahren ist ein freudig und dankbar wahrgenommener Anlass, sich sein Leben, Werk und Wirken in Erinnerung zu rufen.
Am 4. Jänner 1809 erblickte in Coupvray, einem etwa 35 km östlich von Paris gelegenen Ort, elf Jahre nach dem dritten Kind der Eltern Monique und Simon Braille, Louis Braille das Licht der Welt. Heiter, aufgeweckt und wissbegierig wächst der gesunde Knabe heran. Gerne hält er sich bei seinem Vater in der Sattlerwerkstätte auf. Hier sieht er nicht nur interessiert beim Arbeiten zu, sondern will auch alles nachmachen. Doch dieser wichtige natürliche Nachahmungstrieb wird ihm zum Verhängnis! Im vierten Lebensjahr verletzt er sich mit einem scharfen Werkzeug ein Auge. Die verursachte Entzündung befällt auch das andere Auge und innerhalb von zwei Jahren ist er völlig erblindet. Durch ein tragisches Schicksal wird Louis Braille seinem künftigen wertvollen Werk und seinem beglückenden Wirken für blinde Menschen als einer der ihren zugeführt!
Seine guten Anlagen und sein Wissensdrang erleiden durch den harten Schicksalsschlag keine Beeinträchtigung. Er besucht die Dorfschule und ist ein aufmerksamer und fleißiger Schüler. Beeinträchtigt bleibt jedoch seine Bildungsentfaltung, weil ihm die optischen Eindrücke und vor allem der uneingeschränkte Zugriff auf die Schrift fehlen. Gegen letzteres weiß sein Vater erstaunlich wunderbare Abhilfe: Er schlägt in eine Holzplatte Tapezierernägel in der Form der lateinischen Großbuchstaben und macht Louis so mit der Schrift der Sehenden vertraut. Gleichzeitig lernt dieser auch den Tasteindruck von erhabenen runden Punkten kennen, was sich bei der Schaffung der Blindenschrift als sehr dienlich herausstellt. Trotz dieses nützlichen Hilfsmittels erkennt der Dorfpfarrer, der Louis Vorschulunterricht erteilt hat, dass dessen hervorragende Begabungen im Nationalinstitut für junge Blinde in Paris besser entfaltet würden.
Am 15. Februar 1819 tritt Louis Braille in das Institut ein, wo er mit erst 16 Jahren sein weltumspannendes Lebenswerk vollbringen soll. Im Unterricht fällt er durch leichtes Lernen und besonderen Fleiß auf, was ihm viele Auszeichnungen einträgt. Zusätzlich besucht Braille auch Veranstaltungen an etlichen Schulen. Unterricht in Klavier, Generalbass und Orgel erhält er kostenlos am Konservatorium. Direktor Pignier trifft folgende Beurteilung: "... begabt mit leichter Auffassungskraft und einem lebhaften Geiste von wunderbarem Scharfsinn, macht er sich bald durch Fortschritte und Erfolge bemerkbar." Die musikalische Ausbildung gipfelt in der Organistenstelle von St.-Nicolas-Des-Champs ab 1828.
Neben seiner schulischen Betätigung fühlt sich Louis Braille immer leidenschaftlicher in den Bann der Idee gezogen, möglichst bald eine geeignete Schrift für Blinde zu ersinnen, nicht zuletzt besonders forciert durch die von Barbier 1821 vorgelegte 12-Punkteschrift. Wie den Quellen zu entnehmen ist, unterzogen die Schüler dieses neue System einer kritischen Prüfung, wurden andererseits aber auch angeregt, Musiknoten mit punktierten Zeichen wiederzugeben. Die von den Schülern Barbiers aufgezeigten Mängel ließ dieser jedoch nicht gelten. Umso eifriger widmet sich Louis Braille der Beseitigung derselben. Als Blinder, der auf den Tastsinn angewiesen ist, ist ihm bald klar, dass Buchstaben mit bis zu sechs Punkten am besten erfassbar sind. "Wer denkt beim Würfeln eines Sechsers, dass es sich da um das Grundzeichen des Brailleschen Blindenschriftalphabets handelt?" In vier Jahren hat es Louis Braille geschafft: Ein ganz einfaches System ist ersonnen, in welchem aus bis zu sechs Punkten alle Buchstaben, Satzzeichen, Ziffern, Musiknoten weltweit einheitlich wiedergegeben werden können.
1825 erschien die erste ausführliche Beschreibung der "Braille-Schrift"! Diese Schrift deckte die weiter vorne aufgeführten Anforderungen der blinden Benützer in bester Weise ab. Verschiedene Schreibtafeln wurden konstruiert und 1829 erschien das erste mit Brailletypen gedruckte Buch. In der 1837 erschienenen neuen Auflage war bereits die Musiknotation enthalten. Heute wissen wir, dass sich Braille-Schrift auch bestens für die Nutzung der elektronischen Notationsgeräte einsetzen lässt, als wäre sie geradezu dafür bewusst geschaffen worden! - Doch bis zur Durchsetzung und allgemeinen Anerkennung dieser genialen Schöpfung und bahnbrechenden Neuerung zum Nutzen der Blindenbildung war noch ein hürdenreicher Weg zurückzulegen, entgegen der augenblicklich zuteil gewordenen Förderung.
1828 setzte die Institutsleitung Braille als Hilfslehrer ein. Dadurch war zwar kein finanzieller Vorteil gegeben; immerhin erhielt er ein eigenes Zimmer. Ansonsten trug er nach wie vor die Schüleruniform - Rock und Hose aus schwarzem Tuch -, die lediglich durch eine unauffällig aufgenähte Stickerei am Rock den Lehrer erkennen ließ. Wenige Jahre später ernannte man ihn zum Lehrer. Dieser verdiente berufliche Aufstieg wurde jedoch bedrohlich getrübt. 1829 machten sich erste Anzeichen eines Lungenleidens bemerkbar! 1835 wird Tuberkulose zur traurigen Gewissheit. Immer häufiger muss Braille seine Unterrichtstätigkeit unterbrechen. Die Ursache der Erkrankung ist in den ungesunden Unterkunftsverhältnissen im Institutsgebäude anzunehmen. 1838 schrieb der Dichter Lamartine (1790-1869) nach einem Besuch des Blindeninstitutes an die Deputiertenkammer: "Jede Beschreibung der Baulichkeiten kann ihnen kein Bild geben von den engen Räumen. Ekelhaft und finster sind diese kleinen Kammern, die man Unterrichtsräume nennt. Diese krummen, wurmstichigen Treppen! Ich begnüge mich, meine Herren, der Kammer zu versichern, dass das Geld des Haushalts niemals besser angewandt wird, als den Geist derer zu fördern, denen die Natur den kostbarsten unserer Sinne geraubt hat."
Dieser eindringliche Appell bewirkte die Errichtung eines Neubaus, der am 11. November 1843 bezogen werden konnte. Für Braille leider zu spät! Seine Gesundheit schien zunächst zwar gebessert, doch ließen seine Kräfte dann rapide nach, sodass er 1851 um seine Entlassung bat. Im Dezember desselben Jahres erfolgte die Verlegung Brailles ins Krankenzimmer. Und gerade in dieser Zeit der lebensbedrohenden Erkrankung wurde Braille ein schmerzlicher Rückschlag bei der Durchsetzung seines Lebenswerkes zugefügt. Seiner Schrift wurde die weitere Zustimmung und Förderung verweigert, weil man fürchtete - so die Argumentation -, die blinden Menschen in ein Getto zu drängen. Abgesehen von einem kleinen Freundeskreis hatte niemand die weltumspannende Bedeutung seiner Schöpfung erkannt. Demgegenüber hier die Beurteilung des Experten Rackwitz: "Bei ihrer leichten Erlernbarkeit, ihrer großen Tastbarkeit, bei der Schnelligkeit und Sicherheit in der Darstellung und der Leichtigkeit, etwaige Schreibfehler zu verbessern, bei der Einfachheit und geringen Anzahl ihrer Zeichen, bei ihrer Anwendbarkeit auf alle alphabetischen Sprachen ist sie die verbreitetste Reliefschrift für Blinde geworden." Den triumphalen Siegeszug seines Werkes um die Welt erlebte Louis Braille nicht. Er starb zwei Tage nach Vollendung seines 43. Lebensjahres am 6. Jänner 1852. Erst 1878 wurde die Brailleschrift auf einem Kongress in Paris offiziell zur internationalen Methode für den Unterricht in Blindenschulen erklärt.
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Spät, aber doch, wurde dem bedeutendsten blinden Menschen der ihm gebührende Ruhm zuteil: 1887, als sich sein Todestag zum fünfundzwanzigsten Mal jährte, wurde im Beisein von tausenden Menschen in Coupvray, dem Geburtsort Louis Brailles, das von blinden Freunden gestiftete Denkmal am Dorfplatz enthüllt. Und 1952, 100 Jahre nach Brailles Tod, lud die französische Regierung blinde Menschen aus allen Ländern der Erde zu einer Gedenk- und Festwoche nach Paris ein. Der Erzbischof zelebrierte die Gedenkmesse in der Kathedrale Notre Dame in Paris. Die Beisetzung der auf dem Friedhof von Coupvray ausgegrabenen Gebeine im Pantheon geschah mit dem großen Staatsritual Frankreichs. Nur die Hände des Erfinders wurden auf Wunsch des Bürgermeisters von Coupvray in einer Urne aus weißem Marmor wieder in seinem Grab bei der Dorfkirche bestattet. In der Grabkammer Nummer 25 wurde als einziger Schmuck ein Lorbeerkranz aufgehängt, dessen Schleife die Aufschrift trägt:
LOUIS BRAILLE - LES AVEUGLES DU MONDE
(LOUIS BRAILLE - DIE BLINDEN DER WELT)